Das Stippl-Kreuz in Altwaidhofen oder: Once upon a time im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Wenn man den Weg von Altwaidhofen unter der Umfahrungsbrücke Richtung Golfplatz nimmt, steht linkerhand das so genannte Stippl-Kreuz. Seine Inschrift lautet:

Foto: Helmut Hutter

Ein Waidhofner im Wilden Westen …?

Dallas (Texas) wurde 1841[1] gegründet. Da sich die Hauptbahnlinien von Texas in Dallas treffen, wurde die Stadt ein wichtiger Knotenpunkt und wuchs rasch. 1880 hatte Dallas rund 10 000 Einwohner.[2]

Josef Stippl besuchte vier Klassen des Gymnasiums in Waidhofen/Thaya (1873-1876), sein Beruf wird als „absolvierter Ackerbauschüler“ angegeben.[3] 1869 [4] wird als Eigentümer des Hauses Nr. 21 Johann Stippl mit dem Zusatz „wohnt in Neu Bistritz“ genannt. In den römisch-katholischen Taufmatriken von Nová Bystřice/Neubistritz findet sich für den 13. März 1860 der Eintrag der Geburt des „Josef Stippel“ [sic!], Neubistritz 52, Vater „Johann Stippel [sic!], Baumwollfabrikant […] Mutter Maria“.[5]

Warum und wann Josef Stippl nach Amerika ging, lässt sich nicht nachvollziehen.[6] Seine Spur kann erst wieder mit seinem frühen Tod im Dezember 1883 aufgenommen werden.

Auf der Website „Portal of Texas History“ finden sich zahlreiche historische Bestände online, darunter auch die Zeitung „The Dallas Weekly Herald“. In der Ausgabe Vol. 30, No. 44, Ed. 1 vom Donnerstag, 20. Dezember 1883 findet sich auf Seite 5[7] ein Bericht unter der Überschrift „A suicide“[8]. Er beginnt mit folgenden Worten: „‘There is a stiff at the city hospital who committed suicide,‘ remarked an officer to an HERALD reporter […] a jury of inquest standing around the lifeless form of Joseph Stippl, an Austrian, who lay stretched out on the floor with a bullet hole in the centre of his forehead.“

Durch die Einvernahme von Zeugen ergab sich folgendes Bild: Josef Stippl wurde Anfang Oktober ins City Hospital eingeliefert. Er beteuerte fast kein Geld zu haben. Tatsächlich fand sich aber später in seinem Gürtel sowie in seinen Koffern ein Geldbetrag von insgesamt etwa $ 300, dazu noch ausreichend Kleidung und „a diploma of a school in Germany“. Vielleicht trug er ja sein Abschlusszeugnis als „Ackerbauschüler“ bei sich.

Die Diagnose lautete auf Typhus. Josef Stippl verlor im Lauf der Wochen offenbar den Glauben an seine Genesung und beging am Montag, 17. Dezember 1883, um 6 Uhr morgens seine Verzweiflungstat: Er erschoss sich mit einer Pistole. Wie er zu der Pistole kam, ist unklar. Auf Grund einer Zeugenaussage wird gemutmaßt, dass er sie versteckt in einem Handkoffer von „a young German“ erhielt, dem er dafür $ 10 versprach.

Ein besonderes Unverständnis für den Selbstmord zeigte „a tramp-like looking patient who occupied a bed next“. Er meinte, „that a man who commit suicide with so much money and prospective fun in store ought to be dad“.

Josef Stippl, an den heute noch ein Wegkreuz in Waidhofen erinnert, war es nicht vergönnt, seine Träume und Hoffnungen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu leben.

Foto: Helmut Hutter

Helmut Hutter, gekürzt, Original in: Das Waldviertel, 67. Jg., 3/2018, S. 388-390


[1] Dallas Municipal Archives (Hg.), Timeline of Dallas Citiy Government (Dallas o.J.), online: http://dallascityhall.com/government/citysecretary/archives/Pages/Archives_govtimeline.aspx, (abgerufen am 31. Juli 2017).

[2] Texas State Historical Association (Hg.), Texas Almanac: City Population History from 1850–2000 (Austin 2017), online: https://texasalmanac.com/sites/default/files/images/CityPopHist%20web.pdf, (abgerufen am 31. Juli 2017).

[3] Michael Ambrosch, Verzeichnis aller an der Anstalt in den Schuljahren 1870–1894 aufgenommenen Schüler m. Angabe ihres gegenw. Berufes u. Aufenthaltsortes (Wien 2010) S. 17, online: www.familia-austria.at/images/inhalte/datensammlung/oeffentlich/Waidhofen_a_d_Thaya_Gymnasium_25_Jahre_Bestand.pdf, (abgerufen am 31. Juli 2017).

[4] Archiv der Stadtgemeinde Waidhofen an der Thaya: Unterlagen zur Volkszählung 1869.

[5] Staatliches Gebietsarchiv Třeboň, Matrikeln der römisch-katholischen Kirche Nová Bystřice. Buch 13, 1848-1860 (Třeboň 2017), online: https://digi.ceskearchivy.cz/DA?doctree=1nrnh&menu=3&id=5896&page=386, (abgerufen am 31. Juli 2017).

[6] Die wichtigsten Häfen, um sich nach Amerika einzuschiffen, waren zu dieser Zeit Hamburg, Bremen und Bremerhaven in Deutschland, vielleicht auch Le Havre in Frankreich. Passagierlisten für Schiffe, die diese Häfen verließen, stehen online zur Verfügung. Leider sind aber längst nicht alle Listen überliefert, sodass nicht nachvollziehbar ist, auf welchem Schiff er reiste (www.die-maus-bremen.de; www.dad-recherche.de; www.passagierlisten.de; www.hamburger-passagierlisten.de; www.frenchlines.com). Auch seine Immigration in die USA lässt sich online nicht nachvollziehen (www.castlegarden.org).

[7] University of North Texas (Hg.), The Portal to Texas History (Denton 2017), online: texashistory.unt.edu/ark:/67531/metapth295065/m1/5/, (abgerufen am 31. Juli 2017).

[8] Siehe Anm. 7, ebenso wie alle weiteren englischen Zitate aus dem Bericht